Meine Haltung als Vorschulpädagogin
Vorab: Woran orientiere ich überhaupt mein pädagogisches Denken und Handeln?
Das Bild des kompetenten, aber dennoch in hohem Maße abhängigen und verletzlichen kleinen Kindes prägt meine Haltung: ein Kind, das mit all seiner Kraft und schöpferischen Energie fleißig versucht, zu lernen und zu wachsen; ein Kind, das das Bedürfnis nach vertrauensvollen Beziehungen, nach emotionaler Sicherheit, nach Routinen, nach einem anregungsreichen materiellen Umfeld, nach selbsttätigen Erkundungen, nach liebevoller, achtsamer Führung und Schutz hat.
Missverständnisse und Fehlentwicklungen im Kita-System
Die Maximen des „freien Spielens“ und des „selbstbestimmten Lernens“ geben den Grundton an und begünstigen meiner Erfahrung nach primär eine „bequeme“, unvorbereitete Haltung und Handlungsweise seitens des Personals. Das „beliebte“ „Arbeiten nach dem Situationsansatz“ ist vielerorts nichts anderes als eine unreflektierte Fehlinterpretation; ein planloses Agieren, das zu einer Über- bzw. Unterforderung der Kinder führt.
Mangel an frühkindlichen Kita-Bildungsprogammen
Meines Wissens gibt es hierzulande keine flächendeckend eingesetzten wissenschaftlich fundierten Bildungsprogramme, um allen Vorschulkindern vor der Einschulung ähnliche Startbedingungen für die Schule zu ermöglichen.
Mit einem Bildungsprogramm meine ich einen Lehr- und Lernplan, der altersbezogene Übungsaktivitäten aus verschiedenen Bereichen wie Schreiben, Lesen, Mathematik, Bewegung, angewandte Kunst usw. während der Kita-Zeit umfasst. Mit Übungseinheiten meine ich die Implementierung kontinuierlich und planmäßig stattfindender, didaktisch-methodisch durchdachter Unterrichtseinheiten.
Oder kennst Du so ein Programm bzw. eine Kita, die so etwas praktiziert?
Mir ist aus persönlicher Erfahrung nur eine einzige Einrichtung mit so einem Bildungsprogramm-Profil bekannt, die deutschlandweit Pionierarbeit im vorschulischen Bereich leistet.
Spielen als Grundlage strukturiert-angeleiteter Lernaktivitäten
Ich weiß, dass eine Kita keine Schule ist. Eine Kita sollte auch keine Schule sein.
Das Freispiel ist ein Grundbedürfnis von Kleinkindern. Und dieses Bedürfnis ist ernst zu nehmen und zu befriedigen.
Bedenken wir auch, dass eine der zentralen Lehr- und Lernmethoden im frühen Kindesalter das Spiel ist. Durch Spielen (sei es frei oder angeleitet) erwerben Kleinkinder Wissen und Fähigkeiten. Daher haben strukturierte, unterrichtsähnliche Lehr- und Lernaktivitäten in dieser Altersgruppe immer spielerischen Charakter.
Das Bedürfnis von Kleinkindern nach strukturiert-angeleiteten Lernangeboten
Ich wundere mich, warum hierzulande geradezu eine „Behütung“ der Kleinkinder vor unterrichtsähnlichen Lehr- und Lernaktivitäten etabliert ist. Die Kleinkinder brauchen „Nahrung“ für ihren neugierigen, kreativen Geist, für ihre fleißigen Hände und begeisterten Herzen. Warum nicht täglich Brain-Food-Snacks in der Kita anbieten?
Die Rolle kompetenter Vorschulpädagogen
Kompetente Vorschulpädagogen „müssen“ Kinder unterschiedlicher Temperamente und Lernstile nicht zu Lehr- und Lernaktivitäten zwingen; sie laden Kinder ein, lassen kindliche kreative Energie sich entfalten und inspirieren und ermutigen die Kinder zum selbsttägigen Ausprobieren und Mitmachen.
Kompetente Vorschulpädagogen sind in der Lage, „Unterricht“ und Lehr-/Lernstrukturen so zu gestalten, dass frühkindliche Interessen ohne Leistungsdruck gewürdigt und individuell gefördert werden.
Kompetente Vorschulpädagogen wissen, dass der Lern- und Entwicklungsprozess, den jedes Kind durchläuft (wie es auf den pädagogischen Input reagiert, wie es sich engagiert oder etwas leistet), im Vorschulalter höchst unterschiedlich sein kann; abhängig vom individuellen Entwicklungstempo des Kindes, seinem Temperament, seinen individuellen Interessen, seiner täglichen Verfassung usw..
Fokussierte Beobachtung und Förderung
Durch unterrichtsähnliche Angebote kann die kindliche Entwicklung auch gezielt beobachtet werden. Es geht darum, Kompetenzen zu stärken, aber auch rechtzeitig präventiv Defizite bzw. „Förderbedarf“ zu entdecken, um mit Eltern kompetente Entwicklungsgespräche führen und diese bei Auffälligkeiten auf professionelle Hilfen hinweisen zu können.
Mangelndes Vertrauen in die Lernwilligkeit und -fähigkeit von Kleinkindern
Warum wird Kleinkindern im Alter von 2-5 Jahren so wenig Vertrauen in ihre Lernwilligkeit und -fähigkeit entgegengebracht? Das beginnt oft schon mit dem Nicht-Vorhandensein oder Vorenthalten altersangemessener Materialien bzgl. Lesen, Schreiben, Mathematik usw..
Mir ist zugleich bewusst, dass für die Begleitung, Gestaltung und Verwirklichung solcher Ideen wiederum kompetentes Fachpersonal erforderlich ist…
Kinder als Aktive Lerner
Kinder wollen gestalten, Neues lernen, Fähigkeiten erwerben, groß werden. Sie sind bereit, immer wieder zu üben, sie wollen sich als kompetent und selbstständig erleben.
- „Nochmal!“
- „Ich auch!“
- „Ich will auch!“
- „Ich will das lernen!“
- „Nochmal!“
- „Ich kann das!“
- „Ich kann das schon!“
- „Weißt du, ich kann schon…!“
- „Ich zeig Dir, was ich kann!“
- „Frau Vasileva, soll ich Dir zeigen, wie man das macht?“
Selbstvertrauen durch Kompetenzen
Kompetenzen und Fähigkeiten können beim Übergang in die Schule eine wichtige Quelle des Selbstvertrauens für ein Kind sein.
Herausforderungen altersgemischter Kita-Gruppen
Die Realität ist jedoch, dass das hiesige Kita-System in erster Linie auf „freies Spielen“ ausgerichtet ist. Das beeinflusst die Tagesabläufe, die Kindergruppen-Form (altersgemischt), die Raumausstattung, die Materialien-Auswahl und -Anzahl sowie die Zuständigkeitsverteilungen im pädagogischen Team (unabhängig von Qualifikation, Kompetenz und Erfahrung sind in deutschen Kitas häufig alle für alles zuständig).
Du hast Kinder unterschiedlichen Alters in der Gruppe, was bei strukturierten Bildungsangeboten oft zu Unter- oder Überförderung der einzelnen Kinder führt. Es ist praktisch unmöglich, den altersbedingt in der Regel sehr unterschiedlichen Lernbedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen der Kinder in einer altersgemischten Gruppe gleichermaßen gerecht zu werden.
Ausreichend Material für pädagogische Lernaktivitäten notwendig
Es ist auch methodisch kaum möglich, ein freudvolles kindergerechtes Lernangebot ohne ausreichend verfügbarer Grundmaterialien (Blätter, Buntstifte, Kinderscheren, Klebstifte, elementarmusikalische Instrumente etc.) zu verwirklichen…
Kinder müssen teilen und warten lernen, aber lasst uns bitte das Alter der Kinder berücksichtigen und worauf ein Angebot abzielt. Ist das gerade ein sozial-emotionales Training und deswegen gibt es nur einen Klebestift, damit die Kinder abwarten, teilen usw. üben? Oder ist das gerade ein pädagogisches Angebot, das den Fokus auf die Förderung handmotorischer Kompetenzen legt und bei dem daher alle teilnehmenden Kinder dieselbe Ausstattung haben sollten, um sich auf die Tätigkeit konzentrieren zu können.
Abschließende Gedanken zur außerfamiliären frühkindlichen Bildung
Es gibt auch andere Wege frühkindlicher Bildungspraxis. Es gibt Länder, in welchen ein entwicklungsstufenbasiertes Bildungsprogramm selbstverständlich zum alltäglichen „Kindergartengeschäft“ gehört. Die konkrete Umsetzung eines solchen Lehr- und Lernplans erfordert dann natürlich auch eine entsprechend ausgerichtete institutionelle Bildungsumgebung und entsprechend qualifizierte und motivierte Kita-Fachkräfte.
Wege entstehen dadurch, dass wir Menschen sie gehen. Ein ungewöhnlicher Weg hinsichtlich frühkindlicher Kita-Bildungspraxis, der die tägliche Umsetzung eines entwicklungsstufenorientierten Bildungsprogramms mit unterrichtsähnlichen Lernaktivitäten beinhaltet, kann jedoch nur entstehen, wenn die beteiligten Akteure Interesse daran haben. Und wenn sie wirklich einen ungewöhnlichen Weg gestalten und gemeinsam gehen wollen.



